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Geistige Sodomie ?

Artikel Nr. 6 vom 28.11.2001

Dieser provokante Titel stammt nicht von mir. Vielmehr hat ihn ein Unbekannter in das Windhundeforum gepostet, aus welchem Grund auch immer, aber zumindest wurde damit ein Denkprozess in Gang gesetzt, der diskussionswürdig war.

Verhaltensforscher Konrad Lorenz prägte den Satz „die geistige Sodomie ist ebenso ekelerregnd wie die geschlechtliche“ und jeder Hundebesitzer müßte sich dadurch vor den Kopf gestoßen fühlen. Zumindest in der Hinsicht wie er selbst mit seinem Hund umgeht.

Da es sich bei unseren Hunden nun auch noch um die Steigerung handelt, zumindest beurteilen das ja viele Windhündler so, wenn sie immer wieder behaupten, dass ihre Windhunde so anders wären, ist die Reflektion unvermeidlich. Denn der Ansatz beginnt bei der falschen Einstellung zum Hund o pardon, Windhund. Mir haben viele Windhündler bestätigt, dass sie mit ihren anderen Hunden wesentlich konsequenter waren. Warum ist der Windhund nun von der Aura des Unantastbaren umhüllt? Kulturerbe, Märchen aus 1000 und einer Nacht oder ist es der Wunsch nach etwas besonderem, eben einem einzigartigen Wesen, angesiedelt zwischen Traum und Wirklichkeit ?

Geistige Sodomie bezeichnet die Vermenschlichung des Hundes. Auch wer jetzt aufmerkt und jede Vermenschlichung seines Hundes weit von sich weist, wird anhand der nachstehenden Beispiele sich hier und da ertappt fühlen.

  • Rangordnung (mein Hund ist gleichberechtigt in der Familie)
  • Fütterung (mein Hund will auch nicht jeden Tag dasselbe essen)
  • Ruheplätze auf dem Sofa (mein Hund liegt gern erhöht)
  • Schlafplätze (mein Hund schläft bei mir im Bett)
  • Ausflüge (sonst ist mein Hund nicht zu bändigen)
  • Streicheleineiten (mein Hund ist so liebebedürftig)
  • Stillhalten (mein Hund haßt es, sich untersuchen zu lassen)
  • Leinenführigkeit (mein Hund zieht immer !)
  • Gehorsam (mein Hund hört nur, wann er will)

Klarzustellen ist, dass der erste Punkt, die nicht geklärte Rangordnung, alle anderen Unarten nach sich zieht. Ein Hund ist als soziales Lebewesen auf eine hierarchische Ordnung ausgerichtet. Er braucht sie dringender als Futter, Zuwendung oder Auslauf. Er sucht von Natur aus dringend den Platz in diesem Gemeinwesen in dem er sich einordnen und entwickeln kann. Nur wenn es für den Hund klar und unverrückbar ist, dass sein Platz in der Mensch-Hund-Beziehung am unteren Ende der Skala liegt, kann er ein artgemäßes Leben führen und nur dann kann er Hund bleiben.

Verwechseln wir die hierarchische Ordnung nicht mir einem Terrormodell. Die Alpha-Stellung kann ein Rudelführer nur dann erfüllen, wenn er überlegen ist. Überlegenheit ergibt sich aus Autorität, Führungsqualitäten und Fürsorge. Diese Überlegenheit wird automatisch von dem Untergeordneten bedingungslos akzeptiert. Dem harmonischen Zusammenleben steht nichts im Wege. Der Hund kann in seinen Grenzen Freiheit genießen und wird sich in dieser Rolle sicher und wohl fühlen.

Wie sieht aber die Wirklichkeit aus? Windhunde gibt es in den unterschiedlichsten Größen und Gewichtsklassen. Trotzdem hat man selten den Eindruck, dass sich die Besitzer darüber im klaren sind. Ein Ausflug zu einer Veranstaltung vermittelt tiefe Einblicke. Windhundhalter werden viel zu oft von ihren kräftigen großen Windhunden über den Platz hinter sich hergeschleift. Gibt es kleine Querelen, schnappt ein Hund in Richtung eines Menschen oder anderen Hundes oder attackiert sogar, werden die Windhundbesitzer kaum Gegenmaßnahmen ergreifen, sondern eher den Eindringling beschuldigen, er hätte den eigenen Hund provoziert. Windhundhalter haben ihre Hunde weniger unter Kontrolle, vor allem bei Freiauslauf. Die wenigsten haben Ihre Hunde so gut im Griff, dass sie verläßlich folgen, wenn sie gerufen werden. Die Ausreden sind aber immer parat. Nun, ist halt ein Windhund, der macht was er will....und das ist auch gut so.

Falsche Sentimentalitäten verleiten zu einer hundefeindlichen Grundhaltung !

Die Probleme mit Windhunden in der Haltung sind hausgemacht. Die Vermenschlichung ist dabei die Sünde, die neurotische Hunde schafft. Falsche Sentimentalitäten verleiten zu einer hundefeindlichen Grundhaltung ! Wird dem Hund das Grundbedürfnis nach hierarchisch strukturierter Gemeinschaft genommen, entziehen wir ihm seine Existenzberechtigung. Ein Hund, der führerlos ist, wird versuchen diese Rolle auszufüllen, mit der er aber völlig überfordert ist. Er wird sein Territorium, sein „Rudel“ und sein Futter verteidigen.Was bis zum Erreichen der höchsten Position nötig ist, wird er durchsetzen (müssen), notfalls auch mit Gewalt. Der störrische, eigenständige oder möglicherweise bissige Hund (verstehe das gar nicht, er hat doch niemals etwas getan) wird zu einer Belastung für den Halter und sein gesamtes Umfeld. Der Hund irrt haltlos umher, immer im Bestreben das richtige zu tun, um sich und sein Rudel „durchzubringen“und ist damit immer einem extremen Stress ausgesetzt. Das führt zu Verhaltensstörungen, auch wenn sie nicht sofort auf den ersten Blick als solche zu erkennen sind.

  • Aggressivität (abgesenkte Reizschwelle für Verteidigungsbereitschaft)
  • Ungehorsam (erhöhte Reizschwelle für Einwirkungsmaßnahmen)
  • Freßverhalten (Übermaß oder Mäkelei)
  • Zerstörungswut (Übersprungshandlungen)
  • Verunreinigungen (Markierverhalten im Haus)
  • Motivationsverlust (gesteigertes Schlafbedürfnis, Lethargie)

Wer Hunde hält, muss sie zunächst verstehen lernen. Ist das Verständnis vorhanden, wird sich ein wahrer Hundefreund hüten, seinen Hund wie einen (weiteren) Menschen zu behandeln. Das heißt auch, dass man keinen Hund allein über Stunden einsperren darf. Seine Psyche ist nicht ausgerichtet für Isolationshaltung, das ist ehrlich gesagt Tierquälerei. Auch hier unterstellen wir dem Hund ein „Verständnis“ (bin doch gleich wieder zurück, mein Guter) und strafen möglicherweise bei der Heimkehr, wenn er gejault hat und die Nachbarn sich beschweren.

Wenn wir beginnen mit dem Hund zu kommunizieren, wie wir es untereinander gewohnt sind, wenn wir dem Hund vieles oder alles durchgehen lassen, wenn wir auf ihn eingehen, wenn er zu uns kommt und wenn wir ihn nicht in seine Grenzen weisen, dann betreiben wir geistige Sodomie. Das beginnt schon in dem Moment, wo wir vergessen, dass es sich um einen Hund handelt. Dem Hund wird gern unterstellt, dass er alles versteht (Mein Hund versteht jedes Wort) und eine Moral besitzt (Er weiß genau, dass er was angestellt hat).

Goldene Regeln für ein harmonisches Zusammenleben

Die goldenen Regeln für ein artgemäßes Zusammenleben mit dem Hund und der subtilen Rangzuweisung:(Mindestens 9 der nachstehenden Punkte müssen eingehalten werden)

  • Der Mensch hat seine Plätze, die für den Hund tabu sind. Das Sofa und Bett müssen für Hunde tabu sein.
  • Der Mensch geht zuerst durch jede Tür. Der Hund darf niemals als erster hinausstürzen!
  • Der Mensch nimmt seine Mahlzeiten unbehelligt durch seinen Hund ein. Am Tisch füttern oder Betteln ist absolut tabu.
  • Der Mensch motiviert. Den Hund nicht dann liebkosen, wenn er sich aufgrängt. Zuerst Rufen und dann streicheln.
  • Der Mensch geht immer vorne weg. Der Hund muss immer hinter bzw. neben seinem Besitzer gehen. An der Leine ziehen oder unaufgefordertes Vorlaufen ist tabu.
  • Der Hund muss einen eigenen Schlafplatz haben und jederzeit auf seinen Platz geschickt werden können.
  • Der Mensch darf seinen Hund überall anfassen und untersuchen. Empfohlene Übung mindestens einmal wöchentlich. Der Hund muss still stehen und das über sich ergehen lassen.
  • Der Mensch führt beim Spaziergang und der Hund muss sich an ihm orientieren. Ein Vorlaufen oder selbstständiges Erkunden der näheren Umgebung ist nicht erlaubt.
  • Der Mensch gibt die Kommandos. Ein Hund erwartet eine Leitung, eine Aufgabe, um durch erwünschtes Verhalten dem Rudelführer seine Loyalität zu beweisen.
  • Der Mensch gewinnt immer im Spiel. Niemals dem Hund eine Beute überlassen.
  • Der Mensch kann seinem Hund jederzeit das Futter wegstellen oder etwas aus der Schnauze nehmen.

Die nicht geklärte Rangordnung führt zu Dominanzproblemen. Wenn das Verhalten des Hundes durch unser eigenes Verhalten belohnt wird, muss der Hund seiner Veranlagung nach den vakanten Platz einnehmen. Dominantes Verhalten zeigt sich darin, dass der Hund seinen Menschen nicht für voll nimmt.Er zerrt an der Leine, springt an seinem Besitzer hoch, bellt oder fiept fortwährend, läuft weg, schlicht gesagt: er macht, was er will. Darüberhinaus gibt es die Form des submissiven Dominanzverhaltens, was nicht so offensichtlich zu tage tritt, weil es eher in der ruhigenArt abläuft, z.B.dominiert der Hund des gesamten Tagesablauf, ohne einmal aggressiv oder laut zu werden.Die gesamte Familie richtet sich danach, wann der Hund spazierengehen will, wann er fressen, spielen, schlafen, schmusen will bzw. was er nicht will. Das erinnert mich an die Textpassagen in einigen Windhundbüchern: „Wer sich einem Windhund nicht anpassen will, der sollte sich eine andere Rasse auswählen“ oder „Windhunde kann man nicht erziehen, sie machen alles nur aus Liebe zu ihrem Besitzer – freiwillig“.
Letzteres mag auf einige Spezies zutreffen, jene deren Expansionstendenz gering ist. Unter den Windhunden der verschiedensten Rassen gibt es aber in den Regel überwiegend „normale“ Hunde, die verstärkt auf eine Erhöhung oder Gleichsetzung der Rangposition durch den Menschen reagieren; sie erfüllen damit lediglich die Erwartungen, die der Mensch in sie setzt. Tritt der Mensch seine Führungsposition ab, wird ein wesensfester Hund sofort einspringen und sich zunächst seine persönlichen Vorteile sichern und dann im Laufe der Zeit die alpha-Position einnehmen.

Unbewußte Bestärkung

Der Barsoi zerrt an der Leine und attakiert einen vorbeikommenen Afghanen. Der Barsoi wird vom Besitzer mit der Leine zurückgezogen und mit den Worten: „Ist ja gut“ und einer Streicheleinheit zur vermeintlichen Beruhigung belohnt. Der Hund lernt daraus folgendes: Angriff=Belohnung.

Der Azawakh scheut vor einem unbekannten Objekt, weigert sich weiterzugehen. Der Besitzer „erklärt“ dem Hund, dass er sich nicht zu fürchten braucht, geht näher auf ihn ein und lobt ihn nachdem der Besitzer den Eindruck hat, der Azawakh hat sich beruhigt. Der Hund lernt daraus folgendes: Scheu zeigen=Aufmerksamkeit.

Der Whippet zieht an der Leine, kreischt und kläfft, weil er die Hasenmaschine gehört hat. „ja,ja, du kommst ja gleich dran“ redet der Besitzer auf seinen Hund ein gibt die Leine etwas nach, sodaß der Hund ein bißchen dichter am Geschehen ist. Der Hund lernt daraus folgendes: Theater machen=erhöhter Spielraum.

Das ist hier sehr vereinfacht dargestellt, damit jeder nachvollziehen kann, worauf ich hinaus will. Ein paar Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit, sprechen wieder einmal für sich und zeigen die Folgen der Ignoranz auf. Jeder Hundebesitzer muss sich ersteinmal bewußt werden, welche Verantwortung er mit seiner falschen Einstellung zum Hund übernimmt.

Frau Hellwach betritt den Rennplatz mit ihrer Schwester, die einen Westhighlandwhite Terrier an der Leine führt. Entgegen kommt eine Frau mit Barsois an der lockeren Leine. Frau Hellwach sieht das Gespann auf sich zukommen und rät ihrer Schwester mit dem Westie in Deckung zu gehen. Die Damen stellen sich zwischen parkende Autos, als die Barsois auf gleicher Höhe sind, packt sich einer davon unvermittelt den Westie und haut ihn sich um die Ohren.
Diese Fälle habe ich selbst oft genug erlebt in den Jahren. Scharfe Kritik verdienen die Hundehalter, die in der Regel am anderen Ende der Leine „verblüfft“ aus der Wäsche schauten, aber ansonsten keinerlei Regung gegenüber ihrem angreifenden Hund zeigten, sprich: Besitzer haben den Hund wiederum nicht gemaßregelt, ihn umgekehrt also noch in seinem Verhalten bestärkt.

Noch ein paar Beispiele für menschliches Fehlverhalten, die deutlich machen, dass die Hundebesitzer ihren Hund mit menschlichen Maßstäben messen:

Frau Dummlich beugt sich zu einem Hund herab, mit dem Gesicht zuerst. Der andere große Windhund beißt ihr in die Lippen und Unterkiefer und verletzt sie stark. Hiervon können beliebige Beispiele aus dem Ausstellungsring genannt werden, in denen Zuchtrichter während der Beurteilung gebissen wurden. Selbst in diesen Fällen, bleibt die Einwirkung auf den beißenden Hund viel zu oft aus.

Frau Übermut holt sich einen Azawakh, weil sie ihn über alles „schön“ findet. Sie läßt den Rüden gewähren und er kann seine Dominanz ausleben. Das endet damit, dass er keine anderen Kinder mehr ins Haus läßt, keine anderen Besucher und sich zähnefletschend auf jeden Fremden stürzt.Der Hund wird von Frau Übermut nicht mehr unter Kontrolle gebracht und muss eingeschläfert werden.

Herr Ängstlich hat ein italienisches Windspiel, das überbehütet wird. Bei jeder Annäherung an andere Hunde, greift Herr Ängstlich zielsicher ein und nimmt sein Windspiel schnell auf den Arm. Einmal hat er einen friedlich dahintrabenden Hund nicht zuerst gesehen. Der Hund will zum Windspiel Kontakt aufnehmen, aber das zarte Wesen schreit wie am Spieß und hackt verzweifelt um sich und verwirrt durch sein neurotisches Verhalten den Artgenossen, der die von Panik geprägte Körpersprache und Lautäußerung des Windspiels erkennt und auf Angriff umschaltet. Eine kleine Zurechtweisung seitens des anderen Hundes fügt dem Windspiel eine tiefe Bißwunde bei und versetzt es ein einen Schockzustand, an dessen Folgen das Windspiel stirbt.

Frau Sorglos hält mehrere Afghanen-Rüden und Hündinnen. Erziehung ist bei der Menge zu aufwendig, sodaß den Hunden ein Freiraum eingeräumt wird, der über das übliche Mass hinausgeht (Irgendwie müssen sich die sich ja austoben). Um ihren Hunden den engen Kontakt zum Menschen zu ermöglichen, werden im Wohnzimmer sämtliche Sitzmöbel abgedeckt und die Hunde eingelassen. Sie springen über Tische und Bänke und spielen wilde Sau, einige Rüden markieren den Wohnzimmerschrank, ein anderer Rüde reitet an Frau Sorglos Lenden auf und demonstriert damit seine Machtposition. Frau Sorglos läßt den Rüden gewähren ( Er hat ja sonst nichts, worauf er sich freuen kann).

Herr Nonchalance schlendert mit seiner Hündin durch das Festzelt, einige Besucher nehmen gerade ihr Mittagessen ein. Die Azawakhhündin springt auf den Tisch, landet mit dem Hinterlauf im Salat und steht dann erhöht mit allen Vieren inmitten der Teller und des speisenden Gästen. Herr Nonchanlance macht keine Anstalten, den Hund zurückzurufen, sondern amüsiert sich und erwartet dasselbe von den übrigen Zuschauern.

Frau Rührmichnichtan hat eine läufige Whippethündin, die sie aber frei herumlaufen läßt. Auf den Hinweis, dass das aber sehr sorglos sei, weil sie gedeckt werden könnte, antwortet sie nur: "Meine Hündin macht so etwas nicht !"

Wer das Verhalten seines Hundes rechtfertigen muss, hat versagt.

Diese Beispiele aus dem Erfahrungsschatz ließen sich beliebig erweitern. Argumente, warum sich ein Hund so oder anders auffällig und unangepaßt verhalten hat, finden Hundebesitzer immer. Wer jederzeit das Verhalten seines Hundes rechtfertigen oder entschuldigen muss, hat allerdings als seriöser Hundebesitzer versagt.

Ein Hund paßt sich jeder Situation und seinem Menschen an. Sein genetisch fixiertes Streben nach Harmonie im gemeinschafltichen Zusammenleben, wird durch die geistige Sodomie gestört. Unangepaßtes neurotisches Verhalten entsteht durch die Fehleinschätzung des Menschen, der sich nicht darüber im Klaren ist, dass ein Hund eigene und andere Bedürfnisse hat als der Mensch. Sich auf den Hund einzulassen, erfordert Wissen darüber, wie ein Hund funktioniert. Jeder Hundehalter ist verpflichtet, sich dieses Wissen anzueignen und danach zu handeln. Hunde müssen Hunde bleiben dürfen.

Marianne Bunyan, 28.11.2001

 
 

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