Das Auge für den Whippet schulen - Gesamterscheinung
Artikel Nr..4 vom 19.3.2001

Ein Whippet in ruhender Haltung.
Das Gebäude des Whippets ist derart konzipiert, dass es alle anatomischen
Voraussetzungen mitbringt, um ein effizienter Kaninchenjäger sein zu können.
Die auffällige Form der Umrißlinien wird durch eine kräftige und gebogene
Lende bestimmt, die den Anforderungen einer extrem beweglichen Rückenkonstruktion
Rechnung trägt. Sie ermöglichtet eine starke Antrittsgeschwindigkeit
und eine große Wendigkeit. Die tiefe Brust und die gewölbten Rippen sind
für einen Hochleistungsjagdhund obligatorisch, denn sie bieten viel Raum für
Herz und Lunge, und diese Organe sind zum schnellen Hetzen unerläßlich.
Aus diesem Grund ist der Standard des Whippets ein verständliches Gefüge, weil
alle Forderungen nur einen Zweck erfüllen sollen: die Gebrauchsfähigkeit.
Mangelhafte Sieger verändern das Rassebild
Heute werden Whippets zu Siegern im Ausstellungsring gekürt, die nicht einmal
die Mindestanforderungen an diese Funktion erbringen. Jeder Zuchtrichter
spricht mit seinem Urteil eine Art Zuchtempfehlung aus. D.h.
Hunde, die an der Spitze stehen und von Zuchtrichtern als "ideal" befunden wurden,
beeinflussen die Hunderasse in erheblichem Maße. Züchter werden sich an dem
Richterurteil orientieren und ihre Zuchtauswahl danach ausrichten. Die
nächsten Generationen von Hunden und nachrückenden Züchtern ( und Richtern)
finden dann ein Rassebild vor, das sich mehr und mehr von der Funktionalität
entfernt.
Wir finden derzeit folgende Mängel bei den Ausstellungssiegern, die
mit dem Standard nicht vereinbar sind.
1. Undefinierte Muskulatur
2. flache, spannungslose Rücken
3. schublose Aktion
4. übertriebene Größe
zu 1) Immer häufiger sind Whippets an den Zuchtschauen an Spitzenrängen zu
sehen, die viel zu fett sind. Schwammige Kondition und nicht ausgeprägte
Bemuskelung sind ein neuer Trend, der durch offensichtliche Überfütterung
bei gleichzeitigem Bewegungsmangel zutage tritt. Fetteinlagerungen
im Bindegewebe sind für den Whippet kontraindiziert. Eine trockene Bemuskelung
wird verlangt, die Kraft und Stärke veranschaulicht und die Voraussetzung
für schnelle Bewegung ist.
zu 2) Die Wirbelsäule dient als Übersetzung zwischen Vor- und
Hinterhand. Die gebogene Lende garantiert eine schnelle Übersetzung des Schubs
von hinten nach vorn.

In der Bewegung soll jeder Hund wirtschaftlich sein, d.h. mit dem geringsten
Aufwand an Energie den größtmöglichen Erfolg erzielen. In der Standardillustration
wird dieser Rückenschwung explizid dargestellt. Heute sehen wir
vermehrt Whippets im Ring, die eine spannungslose gerade Rückenlinie zeigen,
die sich mit jedem weiteren Meter noch mehr verliert, bis es sogar zu
einem Durchhängen kommt.
zu 3) Das Präsentieren der Whippets im Ring hat großen Einfluß
auf die Erscheinung. Die Hunde werden in einer Ausstellungspose gezeigt,
die eine starke Winkelung der Hinterhand vortäuschen soll. Dazu werden die Hunde
so aufgebaut, dass sie nur noch mit den Zehenspitzen den Boden berühren. In
dieser unnatürlichen Haltung gezeigt, wird die Hinterhandwinkelung zu einem
Schönheitsmerkmal und überstilisiert. Die Folge ist eine Auslese auf eine (
"noch bessere") sprich extreme Hinterhandwinkelung. Eine zu starke Winkelung
korreliert mit Instabilität . Der Hund kann den Mangel nur kompensieren,
indem er das Sprunggelenk nicht mehr bewegt. Unbewegliche Sprunggelenke
verhindern die Möglichkeit des kraftvollen Abstoßens vom Boden. Die Bewegung
ist statisch und das Sprunggelenk bleibt starr. In der Illustration ist hingegen
der gestreckte linke Hinterlauf zu erkennen.
zu 4) Ein großer Hund macht mehr her als ein kleiner. Das Züchten auf eine
höhere Größe , ob nun bei Rennen wegen der Schnelligkeit oder bei Ausstellungen
wegen der Attraktivität, bringt Hunde eines anderen Kalibers, als es für den
moderaten und funktionellen Whippet erforderlich ist. Mit jedem Zentimeter mehr,
erhöht sich auch das Gewicht um zwei bis drei kg. Ein zu
großer und damit zu schwerer Whippet wird den Anforderungen des Kaninchenjägers
nicht mehr gerecht. Sowohl die geforderte Antrittsstärke als auch die Wendigkeit
gehen verloren.
Die Zusammenhänge
Schon in der Gesamterscheinung muss die Ausgewogenheit im Körperbau
erkennbar sein. Ein funktionaler Whippet ist harmonisch in den Proportionen
ohne jede Übertreibung. Nicht zu lang, nicht zu flach, nicht zu fett, nicht
zu groß.
Die Linien müssen fließend sein und die gedachte S-Kurve fügt sich wie aus
einem Guß ein. Jede Übertreibung im Detail ist dem Rassetyp abträglich und der
Standard weist ausdrücklich darauf hin, das sie zu vermeiden ist. Bedauerlicherweise
hat sich inzwischen auch im Mutterland der Rasse vieles verändert und viele
grossen Züchter und Kenner der Rasse sind inzwischen nicht mehr unter uns. Impulse
können also auch von dort nur noch selten erwartet werden.
Vor einigen Jahren war ich noch der Ansicht, es sollten nur wirkliche Rassespezialisten
die Hunderasse richten, aber inzwischen ist die Veränderung im Typ soweit fortgeschritten,
dass es nicht mehr um die rassetypischen Merkmale geht, sondern wir uns inzwischen
um essentielle Eigenschaften kümmern müssen. Richter, die diese
Rasse nur selten richten, sind gezwungen den Standard zu lesen. In Diskussionen
mit Richtern verschiedener Herkunft und Rassen hat sich die Auffassung bestätigt.
Leider "gewöhnt" sich das Auge genauso schnell an Fehler und Mängel, und die
Frage nach der Funktionalität tritt mehr und mehr in den Hintergrund je mehr
der Wettbewerb auf den Ausstellungen nichts mehr mit einer Zuchtschau zu tun
hat.
Autorin : Marianne.Bunyan 19.3.2001 |