Das Auge für den Whippet schulen
Artikel Nr. 3 vom 14.3.2001
Die S-Kurve

Ein Topgewinner aus den 80er Jahren zeigt typische Umrißlinien
Jeder , der sich mit Whippets beschäftigt und am Anfang steht, wird bei einem
Blick in den Ausstellungsring sofort seinen Sieger herausfinden können. Dann
erst wird er beginnen, sich näher mit der Materie zu befassen und liest den
Standard. Das sind die Rahmenbedingungen, die in Worte gekleideten Rassemerkmale.
Aber hilft das weiter?
Was sagen die Beschreibungen?
Die Idee einen Standard zu erstellen erwuchs aus der ziel- und
zweckgebundenen Zucht einzelner Rassen mit festgeschriebenen Merkmalen.
Beim Whippet gehen die Ansichten heute leider etwas auseinander. Tatsache ist
allerdings zweifelsfrei, daß der ursprüngliche Verwendungszweck des Whippets
darin bestand, Kaninchen zu hetzen . Diese kleinen sprintstarken und
wendigen Hunde wurden in der Dämmerung in der für England typischen Parklandschaft
zum Kaninchen fangen eingesetzt; nicht immer von dazu befugten Personen. Es
war der Hund des kleinen Mannes, pflegeleicht, anpassungsfähig, gut im Haus
zu halten, unauffällig und gut zu verstecken ! Als man um
die Jahrhundertwende den Standard für den Whippet erstellte, hat man dieses
auch berücksichtigt.
Aber was sagen die Beschreibungen. Was ist ausgewogen, was ist ziemlich breit,
was ist lang und was kräftig ? Mit diesen Angaben wird der Anfänger jetzt seine
Schwierigkeiten haben, denn jeder wird lang, kräftig oder ausgewogen
individuell interpretieren. Das ist auch gut so und völlig legitim. Jedoch sind
die Rassemerkmale keine lose Wortansammlung ohne tieferen Sinn.
Zunächst muss man sich vor Augen führen, dass der Whippet - wie jede Rasse
- etwas ganz besonderes haben muss, damit man ihn auch auf Anhieb als Whippet
identifizieren kann. Es werden nicht vier Beine sein und auch nicht ein
langer Hals oder ein kurzes Fell. Es gibt über 400 Hunderassen!
Also suchen wir das Rassetypische. Etwas, dass eben nur die Rasse Whippet
aufweist.Ist das der lange schmale Kopf und die "windschnittige" Figur ? Die
haben auch fast alle anderen Windhundrassen. Es muss also etwas ganz Spezielles
sein, das uns sofort auf die Idee bringt: das ist ein Whippet.
Nun ist der Whippetstandard in einer Zeit geschrieben worden, als die Rasse
einen Gebrauchswert erfüllte. Hier finden wir eine wichtige Antwort, denn die
Funktion des Hundes gibt uns weitere Auskünfte. Allerdings bleibt es
nicht aus, dass die Zusammenhänge der anatomischen Gegebenheiten und die Funktionalität
durchleuchtet werden müssen. Das führt zur nächsten Frage:
Wie musste ein Whippet funktionieren?
Der Standard wurde anhand des Gebrauchswertes erstellt. Man beobachtete
die Hunde und fand bestimmte Merkmale und Eigenschaften, die sich für die Arbeit
als Gebrauchshund am besten bewährten und schrieb diese auf. Der Whippet
war als tüchtiger Kaninchenfänger geschätzt. Er war und sollte auch weiterhin
in der Lage sein, aufgrund seiner physischen und psychischen Eigenschaften
ein Kaninchen fangen zu können.
Dazu ist wissenswert, wie sich das Beutetier verhält. Kaninchen leben in Erdbauten
und entfernen sich zur Nahrungssuche nur wenige Meter weit. Also anders als
ein Feldhase, der in einer Furche Schutz sucht, musste das Kaninchen seinen
Bau schnell erreichen können. Um nun ein Kaninchen erfolgreich zu jagen ( oder
zu wildern) brauchte es einen Hund, der ähnliche Fähigkeiten besitzt,
der ebenso aufmerksam, schnell und vor allem ebenso wendig
ist. Es musste von der Größe her ein Hund sein, der leicht genug ist, mit einer
extrem Antrittsstärke, der mit abrupten Richtungswechseln gut
zurecht kommt, der mutig genug ist, auch Hindernisse und Unebenheiten ohne Verletzungen
zu überwinden.
Ganz spezielle Eigenheiten und Verhältnisse im Körperbau sind nun Voraussetzung
für die Funktionalität. Und hieraus ergibt sich auch die rassetypische Erscheinungsform.

Auf den ersten Blick erkennt man hier die typische Umrisslinie
eines Whippet. Es muss sich um einen Whippet und nicht um einen Greyhound
handeln, aber was sind die markantesten Punkte, die nicht daran zweifeln
lassen?

Verfolgt man die Punkte, bilden sie eine einzigartige und bei keiner anderen
Hunderasse vorkommene S-Kurve. Wenn der Betrachter diese imaginäre
S-Kurve bei einem Whippet wiederfindet, wird augenfällig, was mit Rassetyp
gemeint ist. Das ist es, was den Whippet zum Whippet macht. Die Details treten
in den Hintergrund. Es ist unnötig Fehler und Schwächen zu suchen. Das kann
jeder Anfänger. Aber das, was die Qualität eines Whippets ausmacht, ist
mit einem einzigen Blick zu erkennen: Die Ausprägung des markantesten
whippettypischen Merkmals.
Marianne Bunyan 14.3.2001 |