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Wie wird man ein Züchter?

Hundezucht bedeutet auch Selbstaufgabe
Der Begriff Züchter wird wie folgt definiert:
Züchter darf sich nennen, wer eine Hündin besitzt, die Welpen hat.
Mehr nicht. Es kann sich sowohl um Rassehunde handeln, als auch um einen Mischlingswurf,
es kann ein kompetenter Kynologe sein, aber genauso gut braucht der Besitzer
der Hündin Null Erfahrungen und Kenntnisse vorzuweisen.
Rassehundezucht innerhalb des Verbands für das Deutsche Hundewesen (VDH)
wird durch Zuchtbestimmungen geregelt. Durch die jeweiligen Rassehundeklubs
und -zuchtverbände wird die Aufgabe der Zuchtregelung im einzelnen übernommen.
Der angehende Züchter wird sich bestenfalls zunächst einem VDH-Zuchtverein
anschließen; in unserem Fall entweder dem DWZRV (Deutscher Windhundzucht-
und rennverband e.V.) oder dem WCD (Whippetclub Deutschland 1990 e.V.). Er wird
die Zuchtregeln kennen müssen und die Umgebung schaffen, die für die
Aufzucht eines Wurfes notwendig sind, um den Anforderungen gerecht zu werden.
Die erste Hündin
In den seltensten Fällen wird die Anschaffung der ersten Hündin unter
dem Aspekt der späteren Zuchtverwendung erfolgen. Vielmehr ist es überwiegend
so, dass sich jemand einen weiblichen Welpen zulegt, weil er ihm gefällt,
weil er schon immer einen Whippet haben wollte oder weil er per Zufall auf diesen
Hund gestoßen ist.
Möglicherweise bekommt der Besitzer dann Spaß an Windhundveranstaltungen
und geht mit seiner Hündin auf eine Ausstellung. Erzielt die Hündin
dann eine gute Bewertung, wird der Besitzer sie sicher noch mehrmals ausstellen.
Durch die Teilnahme an Ausstellungen kommt der Anfänger in Kontakt mit
anderen Whippetfreunden und lernt ein paar Züchter kennen. Irgendwie üben
Züchter für einen Anfänger einen magischen Reiz aus und langsam
wächst der Gedanke: das würde ich auch gern machen. Welpen aufziehen
muss etwas wunderbares sein !
So beginnen viele Züchterbiographien. Am Anfang ist eine Hündin,
und dann entsteht der Wunsch ebenfalls züchten zu wollen. Dabei spielt
die Qualität der Hündin oder der Wissensstand noch gar keine Rolle.
Jeder Besitzer wird seine erste Hündin immer über alles lieben und
sie zum Maßstab erklären. Hier beginnt oftmals ein Übel, wenn
man Zucht unter dem Aspekt des Erhaltens, Bewahrens und möglichst Verbesserns
ansieht, weil der Anfänger wenig Ahnung und nur mehr oder weniger Glück
hat. In jedem Fall wird er mit seiner ersten Hündin einen Wurf ziehen,
um eben einen Welpen von seiner Hündin zu erhalten. Die Motivation für
den Beginn einer Zucht findet auf der rein emotionalen Ebene statt.
Wenn der erste Wurf dann erst einmal da ist, kann die Sache zu einer Leidenschaft
werden, oder der Enthusiasmus versiegt im Sande, wenn nicht nach dem ersten,
dann aber auch oft nach dem dritten, vierten Wurf. Natürlich ist eine Geburt
und das Heranwachsen tapsiger Welpen ein Erlebnis, dass einen Menschen gefangen
nehmen kann. Und nicht zu vergessen der Stolz, wenn Welpen geboren werden, die
den eigenen Zwingernamen tragen !
Diese positiven Gefühle sind so überwältigend, dass der Neuzüchter
sich eigentlich über die Verantwortung, den Aufwand, die Sorgen, noch gar
nicht im Klaren ist.
Learning by doing

Welpen aufzuziehen ist verlockend, erfordert jedoch ein hohes Maß an
Verantwortung
Bestenfalls wächst mit dem ersten Wurf gleichzeitig das notwendige Interesse,
sich weiterzubilden. Während die ersten Welpen vielleicht mühevoll,
wenn überhaupt, an neue Besitzer abgegeben werden, fängt der Neuzüchter
an, jede Fachliteratur zu verschlingen, die er finden kann und er wird sich
durchfragen und durchlesen, wird den erfahrenen Züchtern auf die Finger
schauen. Parallel zu den ersten praktischen Erfahrungen, gewinnt er allmählich
Schritt für Schritt Einsichten und das Verständnis wächst. Hundezucht
ist so komplex und umfasst grundlegende Kenntnisse über die Rasse, biologische
Zusammenhänge, Verhaltensentwicklung, Anatomie, Zuchtverfahren, Ernährung,
Genetik, Gesundheit, Ahnenforschung, Standard, Bewertung und Selektion, Management,
Pflege, Aufzucht, Ausbildung, Ausstellungen, Handling, Regularien, und vieles
mehr. Das bedeutet : Das Lernen hört niemals auf !
Es ist deshalb nur logisch, dass ein Züchter zuerst mit der Praxis beginnen
muss. Erst im Laufe der Jahre wird er allmählich einen Wissensstand erreichen
können, der ihn befähigt, mitreden und sich mit anderen erfahrenen
Züchtern austauschen zu können. Dieser Entwicklungsprozess dauert
in der Regel 10 Jahre.
Das heißt zugleich, dass in der Praxis eine neue Erfahrung die andere
jagt und dass von Wurf zu Wurf Verbesserungen nötig sind und umgesetzt
werden müssen. Das beginnt mit der Einstellung zu den Welpen, die eben
nicht nur zur Freude des Züchters da sind, sondern sorgfältig auf
das Leben in der neuen Familie vorbereitet werden müssen und mit der Auseinandersetzung
und Verarbeitung des theoretischen Wissens. Die Kenntnisse in der Rasse werden
vertieft durch Beobachten und Reflektieren, auch durch Revidieren der Ansichten.
Alles sind Puzzlestückchen, die sich langsam zusammenfügen.
Eigene Erfahrungen
Jeder Anfänger wird versuchen so schnell wie möglich und soviel wie
möglich lernen zu wollen. Die Fülle der Fachliteratur wird ihm einige
Antworten geben, aber muss er alles lesen, um verschiedene Standpunkte und Erfahrungen
abwägen zu können und zu einer eigenen Anschauung zu gelangen. Viele
Bücher sind schwer verständlich, zu wissenschaftlich und man muss
sie mehrfach lesen, um auch nur einen kleinen Nutzen daraus ziehen zu können.
Viele Züchter vertrauen auf ihr Fingerspitzengefühl, um der leidigen
Quälerei ein Ende zu setzen und kommen oft schnell zu der Erkenntnis, ihr
Wissen reiche aus.
Hierin liegt das Geheimnis, warum einige Züchter einen positiven Einfluss
auf die Rasse nehmen können und andere eben nur vermehren.
Die ersten Erfahrungen :
Anschaffung, ggf. Aufzucht, Haltung und Betreuung der Hündin
Ausstellungen
Kontakte zur Szene
Vereinszugehörigkeit
Zuchtbestimmungen
Zuchtzulassung
Zwinger
Zuchtvoraussetzungen (geeignetes Umfeld schaffen)
Auswahl des Zuchtpartners
Deckakt
Trächtigkeit
Geburtsvorbereitungen
Geburt
Aufzucht
Impfprophylaxe
Vereinsbürokratie
Werbung
Interessenten einschätzen
Welpenabgabe
Beratung
Nachsorge
Die größte Sorge aller Züchter ist es, wie finde ich für
meine Welpen geeignete Plätze. Diese Frage ist berechtigt und vom Erfolg
des Verkaufs der Welpen hängt es ab, ob und wann ein weiterer Wurf überhaupt
in Erwägung gezogen werden kann. Der A-Züchter (also der, der seinen
ersten Wurf hat) kann nicht davon ausgehen, dass er für seine Welpen ohne
Schwierigkeiten Interessenten finden kann. Er muss sich darauf einstellen, dass
er möglicherweise ein paar selbst behalten muss. Aller Anfang ist schwer.
Es ist normal, dass ein unbekannter Zwingername noch kein Vertrauen genießt.
Interessenten orientieren sich am Bewährten. Aber es ist deshalb umso wichtiger,
dass der Neuzüchter dennoch bei der Auswahl seiner Käufer besonders
gewissenhaft vorgeht. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Es
gehört eine gute Portion Menschenkenntnis dazu aus einem Kreis von Interessenten
den passenden Besitzer in spe dem passenden Welpen zuzuordnen oder umgekehrt.
Sind zu wenige Anfragen vorhanden, gerät der Züchter leicht in Panik
und ist froh überhaupt einen Platz für seinen Welpen gefunden zu haben.
Aber: Nur der beste Platz ist gut genug und nur der zufriedene Besitzer wird
auch positiv werben. Zufriedene Besitzer sind aber nur solche, die sich vertrauensvoll
an einen kompetenten Züchter wenden können, der auch mit Rat und Tat
zur Seite steht, wenn es nötig ist. Züchter, die aber selbst in einer
Lernphase sind, unterliegen hier einer besonders harten Bewährungsprobe.
Hinzu kommt der Konkurrenzkampf innerhalb der Züchtergemeinschaft. Jeder
Neue wird argwöhnisch betrachtet und er hat es schwer, sich gegen seine
Mitbewerber durchzusetzen, vor allem dann, wenn ihm die Erfahrungen fehlen.
Leider ist es nicht so, dass alle an einem Strang ziehen, im Gegenteil. Der
Neuzüchter sieht sich oft einer brodelnden Gerüchteküche ausgesetzt,
die ihn demoralisiert und die den Ruf schädigt, bevor er aufgebaut ist.
Zuchtziel setzen
Züchter müssen für sich zunächst selbst definieren, was
sie wollen. Sie müssen ein Ideal haben, das im Einklang mit Gesundheit,
Wesen, Standard und eigener Vorliebe steht. Um dieses Zuchtziel einzugrenzen
ist aber wiederum ein Verständnis der Materie nötig. Der Züchter
muss zunächst einmal erkennen lernen, welche unverzichtbaren Grundvoraussetzungen
ein Whippet haben muss, um daraus eine Idee wachsen zu lassen. Viele Züchter
haben hier Defizite und konzentrieren sich auf Details oder aber wollen zuviel
auf einmal oder nur auf dem ersten Platz stehen. Zucht hat mit dem Erfolg im
Ausstellungsring nur bedingt etwas zu tun. (Was nicht heißen soll, dass
mit minderer Qualität gezüchtet werden soll!) Aber bis ein Züchter
das zu begreifen vermag, sind vielleicht schon viele Welpen geboren worden.
Es ist jedoch nie zu spät, das Wesentliche zu erkennen und seine Ideen
zu überdenken.
Die Beurteilung eines Whippets und vor allem des eigenen ist eine äußerst
komplizierte Angelegenheit. Egal wie gern der Züchter seine Mutterhündin
und seine eigene Nachzucht auch haben mag, Sentimentalitäten sind ein schlechter
Ratgeber. Der Züchter muss sich dazu durchringen Herz und Verstand zu trennen,
nur dann kann er seine Zuchttiere richtig einschätzen.
Es fällt in seine Verantwortung nur mit den für die Zucht wertvollsten
Tieren, sprich: typvollsten Rassevertretern, zu züchten. Viel zu oft wird
aber mit dem Hund gezüchtet, der gerade da ist. Aber aus Gänsen kann
man nun einmal keine Schwäne züchten.
Auswahl der Zuchthündin
Im besten Fall sollte der Züchter nach ein paar "Probewürfen"
eine Entscheidung für die Zukunft treffen, denn züchten heißt,
in Generationen denken . Inzwischen hat er sich einen groben Überblick
über seine Rasse verschafft und es sind ihm immer wieder Hunde aufgefallen,
die ihm besonders gut gefallen haben. Anhand der Abstammung läßt
sich erkennen ob und ggf. welches Verwandtschaftsverhältnis besteht und/oder
welcher Hundename am häufigsten erscheint. Der Züchter sollte nun
versuchen alles über diesen Hund, dessen Eltern, Verwandte und Nachkommen
heraus zu bekommen, was möglich ist. Dabei ist es wichtig, auch negative
Eigenschaften, mögliche Krankheiten, Wesensmerkmale, Leistungsfähigkeit,
Altersfitness im Auge zu behalten. Dann sollte der Neuzüchter sich an den
Züchter wenden, der die meisten Hunde hervorgebracht hat, die seinem Ideal
am nächsten kommen und dort versuchen eine qualitativ hoch stehende Zuchthündin
zu erwerben. Ein guter und erfahrener Züchter wird dem Begehren positiv
gegenüberstehen und die Bemühungen des Neuzüchters schätzen.
Diese gezielt ausgesuchte Hündin sollte dann die Stammutter des neuen
Zwingers werden. Der nächste Gedanke muss dem Zuchtverfahren gewidmet werden.
Hierzu gibt es genügend Literatur, um sich über Verfahren und Folgen
zu informieren. Wichtig ist, mehrere Bücher zum gleichen Thema zu studieren,
weil jeder Autor eine eigene Auffassung hat. Ich ziehe Autoren vor, die praktizierende
Züchter (und bestenfalls zugleich Genetiker) sind , weil man von ihnen
eine praxisnahe Sichtweise erwarten kann. Es nützt wenig, wenn sich ein
Autor mit Genetik und deren Auswirkungen befasst, aber selbst keinerlei Zuchterfahrungen
besitzt.
Zuchterfolge stellen sich langsam und über mehrere Generationen ein. Wer
zuviel aufeinmal erwartet, wird gar nichts bekommen. Rückschläge sind
hinzunehmen aber nicht überzubewerten und keinesfalls zu ignorieren. Eine
konsequente und strenge Auslese der Zuchttiere ist der einzige Weg zum Ziel.
Das sind rationale Entscheidungen, die oftmals Härte gegen sich selbst
erfordern. Nicht der niedlichste Welpe bleibt im Züchterhaushalt, sondern
der für die Zucht vielversprechendste. Auch das zu erkennen bedarf einer
gewissen Übung.
Politische Korrektheit
Auch wenn man es nicht direkt im Zusammenhang vermuten könnte: Wichtige
Voraussetzungen für den Status eines Zwingers ist die Korrektheit, das
"Gutstellen" mit den Funktionären des Vereins, sich keinerlei
Verfehlungen zu schulden kommen lassen, die Anforderungen für eine Zuchtstätte
in allerhöchstem Maße zu erfüllen und sich vorbildlich gegenüber
seinen Hunden und Hundeinteressenten, aber auch Mitbewerbern zu verhalten.
Unbeirrt das eigene Ziel vor Augen haben und mit aller Kraft durchzustehen ist
eine Notwendigkeit.
Aufwand
Wer Hunde züchten will, ist sich anfangs nicht darüber im Klaren,
welche Ausmaße diese Leidenschaft annehmen kann. Einmal abgesehen von
dem Zeit- und Kostenaufwand, ist es Bedingung, dass das äußere Ambiente
den Ansprüchen an eine Welpenaufzucht und Hundehaltung genügen müssen.
Bis der erste Wurf überhaupt auf eigenen Pfoten steht sind umfangreiche
Investitionen nötig. Von dem ersten Wurf wird immer ein Welpe mindestens
im Züchterhaushalt verbleiben, auch vom zweiten oder dritten Wurf und schon
hat sich die Anzahl der eigenen Hunde innerhalb weniger Jahre verdreifacht.
Es gilt: so wenig Hunde wie möglich zu behalten. Jeder nächste Wurf
wird wieder einen "noch besseren" Welpen hervorbringen und die Gefahr
ist sehr groß, sich mit zu vielen Hunden zuzustellen. Die zum Glück
hohe Lebenserwartung der Whippets muss berücksichtigt werden.
Andererseits : nur eine kontinuierliche Zucht, kann einen Fortschritt bewirken.
Das heißt auch, dass mindestens in einem Abstand von drei Jahren eine
Hündin behalten werden muss. Rechnet man die hinzukommenden Hunde zum Bestand
hinzu ergibt das nach 15 Jahren eine Anzahl von 7 Hunden. Die Haltungsbedingungen
von 7 Hunden unterscheiden sich deutlich von denen, die zu Beginn der Zucht
vorhanden waren.
Die Welpenkäufer sollten stets mit dem Züchter in gutem Kontakt bleiben.
Die Nachsorge der bereits gezüchteten Hunde steigt mit der Zahl der Würfe.
Resumee
Eine Hundezucht aufzubauen und sie auch durchzuhalten erfordert vom Züchter
eine große Portion Selbstaufgabe. Die Lebensqualität verändert
sich: Aktivitäten werden überwiegend mit den Hunden durchgeführt,
der gesamte Freundeskreis wird nach Hundesympathien ausgerichtet, Abwesenheit
von Zuhause wird reduziert, Urlaub fällt flach, Hundesitter muss engagiert
werden.
Marianne Bunyan, 12.09.2001 |
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